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Geschichte des Ortes und der Pfarrkirche
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Predigt zum 22. Sonntag nach Trinitatis von Nils Kahl

Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
die Apostel hatten von Jesus ein anspruchsvolles und schwieriges Amt bekommen. Sie sollten Jesus bezeugen. Sie sollten das, was sie gesehen und am eigenen Leibe erfahren hatten, weiter sagen und begreiflich machen. Sehr schnell merkten sie die Grenzen der Verständigung. Sie wurden falsch verstanden oder hörten aus den von ihnen gegründeten Gemeinden, wie sich die Leute stritten, und sie mussten zurechtrücken, was bei den Leuten angekommen war. So wurden einfache Leute, die früher als Fischer, Zeltmacher oder Tischler ihre Familien ernährten, zu Theologen, Seelsorgern und Lehrern. Sie predigten gegen falsche Lehre an oder schrieben Briefe an die Gemeinden. Dabei waren sie nicht davor geschützt, selber falsch verstanden zu werden, und auch heute wird in Bibelkreisen und Seminaren um das richtige Verstehen gerungen.

Besonders der Apostel Johannes ist immer wieder in der Nähe gerade derjenigen Irrlehre vermutet worden, die er am heftigsten bekämpfte.

Warum ist es so wichtig, die biblische Botschaft richtig zu verstehen? Geht es hier um Wortklauberei, um abgehobenes Gezänk, um Eitelkeit oder um gute Noten? Das alles ist vorgekommen und kommt auch heute noch vor, aber der Ernst, der Eifer, die Nachdrücklichkeit, mit welcher Johannes und später die kirchlichen Konzile und heute auch ich die Grenzen dessen abzustecken versuchen, was der rechte Glaube ist, hat seinen Grund in der Liebe.

Es wäre schade, wenn jemand sich ein falsches Bild von Jesus macht und unglücklich ist. Auch wenn es heute an vielen Stellen üblich ist, zu schweigen: Wir sind es einander schuldig, Falsches aufzudecken und Wahres zu sagen. Besonders, wenn es den Glauben betrifft: Es wäre schade, wenn jemand in Fesseln lebt, der frei sein darf. Es wäre schade, wenn sich jemand für fromm hält und das Wichtigste dabei übersieht.

Aber nun zum Text. Die Vorrede war nötig, weil gerade dieser Abschnitt, über den heute zu reden ist, bis heute gründlich missverstanden wird, und ich möchte versuchen, die Missverständnisse aufzuklären. Der Predigttext für den heutigen Sonntag hat in der Lutherbibel die Überschrift: „Absage an die Welt“. Das ist das erste Missverständnis. Ich werde im folgenden das griechische Wort „κοσμος“ nicht, wie Luther es tat, mit „Welt“, sondern mit der eigentlichen Bedeutung „Schmuck“ übersetzen, und einiges andere auch anders lesen. Wer den Text kennt, wird deshalb neu auf ihn hören können. Es sind die Verse 12-17 aus dem 2. Kapitel im ersten Johannesbrief.

Ich schreibe Euch, Kindlein, weil euch die Sünden durch seinen Namen vergeben sind. Ich schreibe euch, Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang ist, Ich schreibe euch Jüngern, weil ihr das Böse besiegt habt.

Ich habe euch Kindern geschrieben, weil ihr den Vater kennen gelernt. Ich habe euch Vätern geschrieben, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang ist. Ich habe Euch Jüngern geschrieben, denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt in Euch und ihr habt das Böse besiegt.

Richtet Euch nicht nach dem Schmuck noch nach dem, was im Schmuck ist. Wenn sich jemand nach dem Schmuck richtet, ist die Liebe des Vaters nicht in ihm. Denn alles, was durch den Schmuck ist, das Streben der Muskeln und die Lust der Augen und die Angeberei der Lebensart, ist nicht vom Vater, sondern vom Schmuck.

Aber der Schmuck wird vorübergehen und seine Anziehung, wer aber den Willen Gottes tut, wird in der Welt bleiben.

Das klingt ganz anders als eine Absage an die Welt. Martin Luther, der augustinische Mönch im sechzehnten Jahrhundert, hatte im Kloster eine Vorstellung von Christsein, von Nachfolge, geglaubt, die ihn ängstlich alles hassen ließ, was außerhalb der Mauern geschah. Wir wissen, dass er diese Lebensphase recht erfolgreich überwand – er heiratete eine Nonne und zeugte mit ihr viele Kinder. Aber in seiner Übersetzung des Johannesbriefes scheint die mittelalterliche Askese noch hindurch. Und wir wissen, dass auch heute noch ein gewisser Reiz von solcher Lehre ausgeht: Junge Leute folgen irgendwelchen Gurus, schneiden sich die Haare kurz und meiden das andere Geschlecht, - die strenge Moral, die alles verbietet, was Spaß macht, ist auch unter Christen nicht ausgestorben. Seit ihrem Anfang, das geht schon aus dem neuen Testament hervor, sieht sich die christliche Verkündigung gezwungen, gegen die Irrlehre anzureden.

Es sind vor allem diese 3 Abgründe:

  1. Die 2-Welten-Irrlehre (ich möchte sie hier absolutistisch nennen)
  2. die moralische Irrlehre und
  3. die Selbsthass-Irrlehre.

Diese drei hängen miteinander zusammen.

Die Zwei-Welten-Irrlehre stelllt sich vor, die Welt in der wir leben, und Gottes neue Welt hätten nichts gemeinsam. Die Welt, in der wir leben, sei schlecht und das Paradies, was irgendwann vielleicht kommt, sei gut.
Schlimmer noch, beeinflusst von griechischer Philosophie fingen wir an, Körper und Seele zu trennen, als sei der Mensch gespalten, der Körper schlecht und die Seele gut. Kann denn die Seele nicht auch schmerzen und krank werden? Hat denn der Körper nicht auch Möglichkeiten, die der Geist nicht hat? Könnte ich etwa zu Ihnen sprechen, wenn ich nicht einen Mund und eine Lunge habe?

Die Zwei-Welten-Lehre ist falsch, nicht allein, weil sie schlimme Folgen hat (von der Seelenpein des Mönches, der das Leben fürchtet bis hin zum Terroranschlag dessen, der sich für einen heiligen Krieger hält und sich selber mit anderen in die Luft sprengt), sondern vor allem wegen unseres Bekenntnisses von Jesus Christus. „Geboren von der Jungfrau Maria“, sagten wir im Glaubensbekenntnis. Das entscheidende Wort ist „geboren“. Wir feiern Weihnachten. Gott wird Mensch – das ist für Christen genauso wichtig wie das „auferstanden von den Toten“. Die Geschichte mit der Jungfrau ist ein Versuch, das Unfassbare – nämlich dass es Gott selber ist, der Mensch wird, - in Worte zu fassen. Aber hinter diese Tatsache kann kein christliches Bekenntnis zurück: Gott kommt in Fleisch und Blut, er wurde Mensch und wir kennen Gott nur durch den Menschen Jesus.
Einen absoluten, einen von der Welt, in der wir leben losgelösten Gott kann es für Christen also nicht geben. Jede Lehre, die eine zweite Welt außer der, in der wir leben, behauptet, ist Häresie. Gott liebt diese Welt.

Die andere Irrlehre ist ebenfalls so alt wie die Christenheit – die moralische Irrlehre.
Wer meint er müsse Gutes tun, müsse moralisch perfekt sein und immer das Richtige tun, um Gott zu gefallen, ignoriert auch das christliche Bekenntnis, von dem wir eben sprachen.
Gott war sich nicht zu schade, in Christus Mensch zu werden, um uns zu retten. Wer nun noch meint, sich selber zu retten, beleidigt Gott und macht sich selbst das Leben schwer.

Dennoch übt die moralische Irrlehre eine starke Anziehungskraft aus. In allen Religionen hat sie viele Anhänger. Woran mag das liegen? Wer meint, in der Bibel oder in den Worten irgendwelcher Prediger eine Art Kochbuch zu haben, nach dem es sich leben ließe, hat Angst vor eigenen Entscheidungen. Aber das Leben ist so spannend und täglich voller neuer Herausforderungen, dass wir mit einem Kochbuch niemals den Menschen, denen wir Liebe schuldig sind, und unseren eigenen Ansprüchen an das Leben gerecht werden könnten.

Die moralische Irrlehre sollte gerade unter evangelischen Christen eigentlich erledigt sein. Aber sie ist sehr lebendig – wohl auch weil so viele Bibelstellen sie zu stützen scheinen. Auch unser heutiger Predigttext hat eine moralische Seite und einen Anspruch an das Handeln. Ich werde darauf noch zu sprechen kommen.

Die dritte Irrlehre hängt mit beiden anderen zusammen: Dass man sich selbst nicht mag. In vielen Kirchenliedern und auch in unserem Predigttext wird der scheinbare Gegensatz, der so leicht zur absolutistischen Irrlehre führt, zu einer Lust- und Leibfeindlichkeit weiter gedacht. Dann gelten Essen, Trinken und Lieben als Ausdruck sündigen Wesens. Auch hier im Dorf habe ich schon gehört, dass jemand die Mitgliedschaft in der KG Narrenzunft als unvereinbar mit dem Amt eines Kirchenvorstands empfunden hat oder meinte, am Sonntag nicht tanzen zu dürfen.

Der biblische Befund ist ein anderer: Das dritte Gebot macht den Siebten Tag ausdrücklich zum Feiertag, an dem nicht gearbeitet werden soll. Er ist ein Festtag, und an Festen soll man auch tanzen, wenn es einem danach ist. Das hat Israel immer so gehalten. Adam und Eva werden auf der zweiten Seite der Bibel gesegnet: Seid fruchtbar und mehret Euch – wie kann Sexualität dann Sünde sein? Sich selbst nicht zu mögen und seine eigenen Bedürfnisse zu leugnen, das ist nicht nur eine Irrlehre, sondern eine Übertretung des wichtigsten Gebotes: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen – und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Und dabei können und sollen wir selbstbewusst und stark werden: „Machet Euch die Erde untertan“ sagte Gott, als er Adam und Eva segnete. Von einem Aufruf zur Selbstverleugnung gibt es in der Bibel keine Spur.

Drei Abgründe habe ich beschrieben, vor denen wir uns hüten müssen. Drei Irrlehren, gegen die Christen von Anfang an zu predigen und zu schreiben hatten. Was aber ist richtig? Wir hörten es in der Lesung: Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Nun sehen wir, warum der Apostel Johannes vor dem Schmuck warnt – und wenn wir uns vor der zwei-Welten-Lehre hüten, dann können wir besser verstehen, was er meint:
Schmuck vergeht. Das neue Auto, Geld, Macht und Ansehen bleiben nicht – sie sind Mittel, aber nicht das Ziel. Ihre Anziehungskraft kann uns vom Eigentlichen abhalten, von der Liebe.

Wenn Menschen erst im Alter merken, dass sie vor lauter Schätzesammeln vergessen haben, eine Familie zu gründen oder sich für eine Sache einzusetzen, die die Welt ein wenig besser gemacht hätte, dann ist es oft zu spät.

Wenn die Eitelkeit zum Motor und die Anerkennung durch Menschen zum Lebensziel werden, dann haben wir Gott nicht mehr zum Gott – dann ist er höchstens Mittel zum Zweck geworden. Frömmigkeit kann ein Ersatz , ein Hindernis sein. Auch ein frommer Anschein ist ein Schmuck, ein Kosmos.

Die griechischen Wörter für „Lieben“ und „Hassen“ bedeuten auch „sich richten nach“ und „missachten“. Gott zu lieben heißt also, sich nach ihm zu richten. Wohin es führt, die Vermehrung von Geld zum Lebensziel zu haben, sehen wir gerade an den Börsen.
„Habt nicht lieb, was in der Welt ist.“, das heißt: "Richtet Euch nicht nach dem Schmuck"

Vielleicht hat die moralische Irrlehre ihren Reiz darin, dass es einfacher scheint, etwas zu verbieten als zu zeigen, wie man es verantwortlich gestaltet. Weil geschlechtliche Liebe eigentlich Vertrauen vertiefen und ausdrücken soll, aber auch Vertrauen zerstören kann, ist sie mit starken Gefühlen verbunden. Die Moralisten verbieten sie deshalb ganz. Das aber ist ein Irrtum.

Für Geld und Einfluss gilt dasselbe: Sie können so oder so gebraucht werden. Sie sind nicht an sich böse, sie sind einfach „Schmuck“. Sie können zum Götzen werden, wenn wir uns nach ihnen richten, wenn wir den Schmuck lieben und den Nächsten verachten.
Denn das ist es, worum es immer wieder geht: Die Frage nach Gott.

Wenn wir uns vor der moralischen Irrlehre hüten, dann können wir den letzten Satz aus dem Predigttext so verstehen, wie Johannes ihn wohl gemeint hat:

„Wer den Willen Gottes tut, bleibt in den Äon hinein“ -

das Wort „Äon“ für Ewigkeit kann man auch mit „diese Welt“ übersetzen. Und das ist keinesfalls ein Widerspruch, wie es die zwei-Welten-Irrlehre behauptet:

Der Wille Gottes ist, dass wir Liebe üben an Freunden und an Feinden, an Verwandten und an Fremden, so wie er selber es getan hat. Darin glauben wir ihm und dem der ihn gesandt hat, und darin haben wir das ewige Leben. 

Das sollten wir wörtlich nehmen: „Ewig“ heißt nämlich gerade nicht: „später“, sondern zumindestens auch: Jetzt, hier und heute.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Gottesdienste

Sonntag, 09.12.18

10.30 Uhr Gottesdienst mit Taufe (C. Hankel) in der Pfarrkirche

11.30 Uhr Krippenspiel - Probe

 

Sonntag, 16.12.18

10.30 Uhr Gottesdienst (C. Stiller) in der Pfarrkirche

11.30 Uhr Krippenspiel - Probe

 

 


Gemeindebüro

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